Vermögensverzeichnis erstellen – Schritt-für-Schritt-Anleitung
5 Min. Lesezeit·Veröffentlicht am 15. April 2026
Ein Vermögensverzeichnis – auch Vermögensaufstellung genannt – ist eine systematische Übersicht aller Vermögenswerte und Verbindlichkeiten beider Ehepartner. Es wird im Rahmen des Zugewinnausgleichs bei einer Scheidung benötigt und bildet die Grundlage dafür, wie das während der Ehe erwirtschaftete Vermögen aufgeteilt wird.
Die Begriffe Vermögensverzeichnis und Vermögensaufstellung werden in der Praxis synonym verwendet. Streng genommen ist das Vermögensverzeichnis der rechtlich geforderte Inhalt der Auskunft nach Paragraph 1379 BGB, während die Vermögensaufstellung die strukturierte Darstellungsform beschreibt. Für die praktische Arbeit spielt der Unterschied keine Rolle – entscheidend ist, dass alle Positionen vollständig, korrekt und nachprüfbar dokumentiert sind.
Beide Ehepartner sind nach Paragraph 1379 BGB verpflichtet, dem jeweils anderen auf Verlangen vollständige Auskunft über ihr Vermögen zu erteilen. Diese Auskunftspflicht umfasst ein wahrheitsgemäßes Verzeichnis aller Vermögensgegenstände und Verbindlichkeiten. Wer unvollständige oder falsche Angaben macht, riskiert rechtliche Konsequenzen – bis hin zur eidesstattlichen Versicherung.
Ein gut strukturiertes Vermögensverzeichnis erfüllt diese Pflicht und bietet gleichzeitig mehrere Vorteile:
- Überblick: Du siehst auf einen Blick, was vorhanden ist und was fehlt.
- Nachvollziehbarkeit: Dein Anwalt und das Gericht können die Angaben leicht prüfen.
- Zeitersparnis: Vollständige Unterlagen vermeiden Rückfragen und Nachforderungen.
- Kostenkontrolle: Je strukturierter die Aufstellung, desto weniger Anwaltsstunden fallen an.
Schritt 1: Stichtage ermitteln
Für den Zugewinnausgleich sind drei Stichtage relevant:
- Tag der Eheschließung – bestimmt das Anfangsvermögen
- Tag der Trennung – dient als ergänzender Bezugspunkt (Trennungsvermögen)
- Tag der Zustellung des Scheidungsantrags – bestimmt das Endvermögen
Zu jedem dieser Zeitpunkte muss der Vermögensstand beider Partner erfasst werden. Eine ausführliche Erklärung der drei Stichtage findest du im Artikel Stichtage beim Zugewinnausgleich.
Schritt 2: Alle Vermögenskategorien systematisch durchgehen
Eine vollständige Vermögensaufstellung umfasst mindestens 20 Kategorien. Die wichtigsten sind:
- Bankguthaben – Girokonten, Sparkonten, Tagesgeld, Festgeld
- Wertpapiere – Aktien, ETFs, Fonds, Anleihen, Zertifikate
- Immobilien – Eigentumswohnungen, Häuser, Grundstücke
- Versicherungen – Lebensversicherungen, private Rentenversicherungen mit Rückkaufswert
- Bausparverträge – Bausparguthaben und Darlehensanspruch
- Fahrzeuge – PKW, Motorräder, Wohnmobile
- Sachwerte – Edelmetalle, Schmuck, Kunstgegenstände
- Kryptowerte – Bitcoin, Ethereum und andere digitale Assets
- Unternehmensbeteiligungen – GmbH-Anteile, Einzelunternehmen
- Verbindlichkeiten – Hypotheken, Konsumentenkredite, Steuerschulden
Eine vollständige Übersicht aller Kategorien findest du im Artikel Vermögenswerte bei der Scheidung.
Nicht in den Zugewinn gehören Altersvorsorge-Anwartschaften (gesetzliche Rente, betriebliche Altersvorsorge, Riester, Rürup) – diese werden über den Versorgungsausgleich geregelt.
Schritt 3: Vorhandene Unterlagen sammeln
Sammel zunächst alle Dokumente, die bereits verfügbar sind: Kontoauszüge, Depotauszüge, Versicherungsscheine, Grundbuchauszüge, Kaufverträge und Steuerbescheide. Sortier die Belege nach Vermögenskategorien und ordne sie den jeweiligen Stichtagen zu.
Schritt 4: Fehlende Unterlagen anfordern
Für jede Position, zu der noch kein Nachweis vorliegt, muss eine Anfrage an die zuständige Stelle gesendet werden – Banken, Versicherungen, Arbeitgeber oder Behörden. Plan hierfür mehrere Wochen Bearbeitungszeit ein. Versicherungsgesellschaften benötigen beispielsweise zwei bis vier Wochen für eine Wertmitteilung.
Schritt 5: Vermögensverzeichnis strukturieren
Ordne alle Positionen übersichtlich nach Kategorien. Für jede Position erfasst du:
- Bezeichnung des Vermögenswerts oder der Verbindlichkeit
- Zuordnung zum Ehepartner
- Wert zu jedem der drei Stichtage
- Verweis auf den zugehörigen Beleg (z. B. Anlage A1, A2 usw.)
Schritt 6: Aufstellung prüfen und dem Anwalt übergeben
Prüf die Aufstellung auf Vollständigkeit und Konsistenz. Fehlen Positionen? Stimmen die Stichtage? Sind alle Werte belegt? Übergib die fertige Aufstellung mit allen Belegen deinem Anwalt zur rechtlichen Prüfung.
- Kategorien vergessen: Bausparverträge, Steuererstattungsansprüche und Genossenschaftsanteile werden häufig übersehen. Geh systematisch alle Kategorien durch.
- Falsche Stichtage: Die Werte müssen exakt zu den rechtlich relevanten Stichtagen ermittelt werden – nicht zum heutigen Tag.
- Schulden nicht berücksichtigt: Verbindlichkeiten verringern das Vermögen und gehören zwingend in die Aufstellung.
- Fehlende Belege: Jede Position muss durch Dokumente nachgewiesen werden können. Reine Behauptungen reichen nicht aus.
- Zu spät angefangen: Die Beschaffung aller Unterlagen dauert erfahrungsgemäß sechs bis zwölf Wochen. Beginn so früh wie möglich.
Dieser Artikel gibt einen kompakten Überblick über die Erstellung eines Vermögensverzeichnisses. Für eine ausführliche Anleitung mit allen Details zu den 20+ Vermögenskategorien, den drei Stichtagen, den Auskunftsschreiben und einer Checkliste zum Download lies den kompletten Leitfaden zur Vermögensaufstellung bei Scheidung.
Jeder Scheidungsfall ist individuell. Dieser Ratgeber bietet eine Orientierung für die strukturierte Erfassung von Vermögenswerten. Für die rechtliche Bewertung und die Durchsetzung von Ansprüchen ist die Hinzuziehung eines Fachanwalts für Familienrecht zu empfehlen.
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