Versorgungsausgleich: Rentenansprüche bei der Scheidung
5 Min. Lesezeit·Veröffentlicht am 15. April 2026
Der Versorgungsausgleich regelt die Aufteilung der während der Ehe erworbenen Rentenanwartschaften. Er wird bei jeder Scheidung vom Familiengericht von Amts wegen durchgeführt – das bedeutet, beide Ehepartner müssen nichts beantragen. Das Gericht kümmert sich automatisch darum.
Das Grundprinzip: Alle Rentenansprüche, die während der Ehezeit erworben wurden, werden hälftig geteilt. Wer mehr Anwartschaften erworben hat, gibt die Hälfte der Differenz an den anderen ab.
Abgrenzung zum Zugewinn: Wenn du deine Vermögensaufstellung für den Zugewinnausgleich erstellst, gehören die hier beschriebenen Anwartschaften nicht dazu. Vermögen (Konten, Immobilien, Wertpapiere etc.) wird im Zugewinnausgleich erfasst. Altersvorsorge und Rentenanwartschaften werden hier im Versorgungsausgleich geregelt – das sind zwei getrennte Prozesse innerhalb der Scheidung.
Der Versorgungsausgleich basiert auf dem Gedanken, dass die Ehezeit eine gemeinsame Lebensleistung darstellt. Wenn ein Ehepartner zugunsten der Familie auf Erwerbstätigkeit verzichtet hat (z.B. für Kindererziehung), dann hat er weniger eigene Rentenansprüche aufgebaut. Der Versorgungsausgleich gleicht diese Unterschiede aus.
Gesetzliche Rentenversicherung
Die Entgeltpunkte, die beide Ehepartner während der Ehezeit bei der Deutschen Rentenversicherung erworben haben, werden geteilt. Das Familiengericht holt direkt bei der Rentenversicherung Auskünfte ein.
Betriebliche Altersvorsorge
Alle Formen der betrieblichen Altersvorsorge werden berücksichtigt:
- Direktversicherung – der Arbeitgeber schließt eine Lebensversicherung zugunsten des Arbeitnehmers ab
- Pensionskasse – rechtlich selbstständige Versorgungseinrichtung des Arbeitgebers
- Pensionsfonds – kapitalmarktbasierte Versorgungseinrichtung
- Unterstützungskasse – betriebliche Sozialeinrichtung
- Direktzusage (Pensionszusage) – der Arbeitgeber verspricht eine Betriebsrente direkt
Riester-Rente
Die Riester-Rente ist eine staatlich geförderte Altersvorsorge. Das während der Ehezeit angesparte Kapital wird im Versorgungsausgleich geteilt. Die staatlichen Zulagen werden dabei berücksichtigt.
Rürup-Rente (Basisrente)
Auch die Rürup-Rente fällt unter den Versorgungsausgleich. Diese wird ähnlich behandelt wie die gesetzliche Rente.
Private Rentenversicherungen
Private Rentenversicherungen werden im Versorgungsausgleich berücksichtigt, wenn sie eine lebenslange Rente vorsehen. Kapitallebensversicherungen mit Einmalauszahlung fallen dagegen in den Zugewinnausgleich.
Beamtenversorgung
Die Beamtenversorgung (Pension) wird ebenfalls im Versorgungsausgleich geteilt. Das kann bei einem Ehepartner mit Beamtenstatus erhebliche Beträge ausmachen.
Ehezeitbezogener Anteil
Entscheidend ist nur der Anteil der Anwartschaften, der während der Ehezeit erworben wurde. Die Ehezeit beginnt mit dem Monat der Eheschließung und endet mit dem Monat vor der Zustellung des Scheidungsantrags.
Interne und externe Teilung
- Interne Teilung (Regelfall): Die Anwartschaften werden innerhalb desselben Versorgungssystems geteilt. Beispiel: Entgeltpunkte bei der gesetzlichen Rente werden direkt vom Konto des einen auf das Konto des anderen übertragen.
- Externe Teilung (Ausnahme): Bei kleinen Beträgen oder wenn der Versorgungsträger zustimmt, kann der Ausgleichswert in ein anderes Versorgungssystem übertragen werden (z.B. in die gesetzliche Rente oder eine Riester-Rente).
Bagatellgrenze
Anrechte mit einem sehr geringen Ausgleichswert werden nicht geteilt. Die Bagatellgrenze liegt bei 3.948 Euro Kapitalwert (Stand 2026, wird regelmäßig angepasst). Bei geringfügigen Anrechten beider Ehepartner im gleichen Versorgungssystem kann das Gericht auf einen Ausgleich verzichten.
Obwohl das Familiengericht den Versorgungsausgleich von Amts wegen durchführt, kannst du den Prozess beschleunigen:
Formulare V10 und V11
Nach Einreichung des Scheidungsantrags erhalten beide Ehepartner vom Gericht Fragebögen zum Versorgungsausgleich (V10 für den Antragsteller, V11 für den Antragsgegner). In diesen Formularen musst du alle Versorgungsanwartschaften angeben.
Unterlagen sammeln
Folgende Unterlagen helfen beim Ausfüllen der Fragebögen:
- Aktuelle Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung
- Bescheinigungen über betriebliche Altersvorsorge
- Riester-Jahresinformation
- Rürup-Bescheinigung
- Private Rentenversicherungsverträge
- Bei Beamten: letzte Besoldungsmitteilung
Versicherungsverlauf prüfen
Es empfiehlt sich, vor der Scheidung den eigenen Versicherungsverlauf bei der Deutschen Rentenversicherung zu prüfen und gegebenenfalls eine Kontenklärung durchzuführen. Fehlzeiten oder nicht erfasste Beitragszeiten können so rechtzeitig korrigiert werden.
Der Versorgungsausgleich ist häufig der Grund, warum Scheidungsverfahren länger dauern als erwartet. Die Versorgungsträger (Rentenversicherung, Pensionskassen, Versicherungsunternehmen) benötigen in der Regel drei bis sechs Monate für die Auskunftserteilung. Bei vielen verschiedenen Anwartschaften kann es auch länger dauern.
Kurze Ehezeit (unter drei Jahren)
Bei einer Ehezeit von weniger als drei Jahren findet der Versorgungsausgleich nur auf Antrag statt. Wird kein Antrag gestellt, wird er nicht durchgeführt.
Ausschluss durch Ehevertrag
Der Versorgungsausgleich kann durch einen notariellen Ehevertrag oder eine Scheidungsfolgenvereinbarung ausgeschlossen oder modifiziert werden. Das Familiengericht prüft allerdings, ob der Ausschluss nicht sittenwidrig ist (z.B. wenn ein Ehepartner dadurch im Alter unzumutbar benachteiligt wird).
Abfindung statt Teilung
In manchen Fällen kann anstelle einer Teilung der Anwartschaften eine Kapitalabfindung vereinbart werden. Das erfordert in der Regel eine notarielle Vereinbarung.
Schuldrechtlicher Versorgungsausgleich
In bestimmten Fällen wird der Versorgungsausgleich nicht sofort durchgeführt, sondern erst bei Renteneintritt (schuldrechtlicher Versorgungsausgleich). Das betrifft insbesondere Anrechte, die nicht intern geteilt werden können.
Der Versorgungsausgleich verändert die Rentenhöhe beider Ehepartner dauerhaft:
- Wer Anwartschaften abgibt, erhält eine geringere Rente.
- Wer Anwartschaften erhält, bekommt eine höhere Rente.
Die Änderung wird von den Versorgungsträgern automatisch berücksichtigt. Du erhältst nach Rechtskraft des Scheidungsbeschlusses eine aktualisierte Rentenauskunft.
Der Versorgungsausgleich ist ein komplexes, aber wichtiges Element der Scheidung. Er stellt sicher, dass die während der Ehe gemeinsam erwirtschafteten Rentenansprüche gerecht verteilt werden. Eine frühzeitige Sammlung aller relevanten Unterlagen beschleunigt das Verfahren erheblich.
Für deine individuelle Situation wende dich an deinen Rechtsanwalt oder deine Rechtsanwältin.
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